Goldener Schnitt beim Fotografieren
18. September 2011 in Komposition
Wer diese Seite kennt, der weiß, dass es uns Amateuren beim Fotografieren nicht auf das Equipment ankommt. Man kann mit jedem Fotoapparat schöne Bilder machen. Ebenso möglich (und leider stark verbreitet) ist es, mit teueren Kameras mäßige Fotos zu schießen. Falls Ihr euch trotzdem für Fotoequipment interessieren wollt, lest meinen neuesten Artikel “Kaufberatung Digitalkamera” in der Rubrik “Spiegelreflexkamera Test“.
In diesem Sinne wollen wir uns auf das wichtigste Mittel konzentrieren, um mit jeder beliebigen Kamera (notfalls auch dem Handy) schöne Bilder zu machen: der Komposition.
Eines der wirksamsten gestalterischen Mittel bei der Komposition ist der sog. “Goldene Schnitt”. Wir beginnen mit einem Negativ-Beispiel: auf dem folgenden Foto ist zu sehen, wie der goldene Schnitt eher nicht genutzt wurde:

Bilder wie dieses sieht man häufig in Familien- und Urlaubsalben. Obwohl das Motiv sehr ansprechend ist, wirkt das Foto angespannt und unharmonisch. Das liegt daran, dass das Motiv genau in der Mitte des Bildes positioniert ist. Wie’s besser geht, seht Ihr im folgenden.
Ausgewogene Platzierung des Motivs
Damit das Foto ansprechend wirkt, platziert Ihr das Motiv in der Nähe des Schnittpunktes der beiden schwarzen Linien, wie im Bild rechts dargestellt. Der Schnittpunkt befindet sich genau im “Goldenen Schnitt”, d.h. er teilt die Bildfläche im Verhältnis 1:1,618. Wir empfinden dieses Verhältnis als harmonisch und ausgewogen, da wir von der Natur ständig darauf geprägt werden: so liegt beispielsweise das Längenverhältnis zwischen Ober- und Unterarm des Menschen im goldenen Schnitt, ebenso das Verhältnis Ober- zu Unterkörper, usw.
Das obige Foto lässt sich korrigieren, indem man links und oben einen Streifen abschneidet, sodass ein Auge des Kindes genau im goldenen Schnitt landet. Dadurch bekommt es die Harmonie, die ihm sonst fehlt. Hier das Ergebnis:

Ein goldener Schnitt begegnet uns praktisch fortlaufend in den Medien. Achtet mal darauf, wo sich im Bild des Fernsehers der Nachrichtensprecher befindet oder die Person, die gerade interviewt wird.
Übrigens: es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb das korrigierte Bild besser wirkt als das erste. Durch das Abschneiden des linken und oberen Randes ist es vereinfacht worden. Je weniger Ballast im Foto vorhanden ist, umso klarer und angenehmer wird das eigentliche Motiv betont. Dieses Prinzip der Vereinfachung ist ebenfalls ein sehr wichtiger Bestandteil der Komposition in der Fotografie.
Goldener Schnitt: Technik
Ihr wollt natürlich so wenig wie möglich (am besten gar nicht) Eure Fotos nachbearbeiten. Das bedeutet: Ihr müsst bereits beim Fotografieren darauf achten, dass das Motiv im goldenen Schnitt landet. Diesen zu finden ist für Anfänger nicht leicht, Ihr könnt es euch aber einfacher machen, indem Ihr das Bild im Sucher gedanklich drittelt. Manche Kameras können im Sucher ein Raster einblenden; wenn Ihr diese Funktion einschaltet, habt Ihr den goldenen Schnitt beim Fotografieren immer im Blick.
Damit das Prinzip funktioniert, müsst Ihr folgende Sache besonders beachten. Die meisten von Euch werden den Fokus der Kamera in der Mitte des Suchers festgelegt haben. Das bedeutet: der Fotoapparat stellt die Mitte des Bildes scharf, aber nicht den goldenen Schnittpunkt. Hier könnt Ihr z.B. den Fokuspunkt in die Nähe des goldenen Schnittpunktes verschieben. Ich mache das nicht so gerne, da ich das Motiv nicht immer in der gleichen Ecke darstellen will und keine Lust habe, den Fokuspunkt beim Fotografieren andauernd hin und her zu schieben.
Ganz angenehm ist der folgende Trick: der Fokus bleibt in der Bildmitte eingestellt. Stellt das Motiv in der Mitte des Suchers scharf, indem Ihr den Auslöser bis zum ersten Druckpunkt betätigt und so haltet. Dann bewegt Ihr die Kamera so, dass das Motiv im Sucher in den goldenen Schnitt kommt und drückt den Auslöser gar durch.
Literatur
Wenn Ihr mehr über den goldenen Schnitt erfahren und einige wirklich beeindruckende Fotos zu dessen Vorkommen in der Natur bestaunen wollt, möchte ich Euch folgende zwei Bücher ans Herz legen:
- Der Geheime Code: Die rätselhafte Formel, die Kunst, Natur und Wissenschaft bestimmt
- Der Goldene Schnitt: Göttliche Proportionen und noble Zahlen
Das Fotografieren muss kein teueres Hobby sein
Wie jedes Prinzip der Komposition ist auch der Goldene Schnitt eines, das sich mit jeder beliebigen Kamera umsetzen lässt. Es kommt nicht darauf an, wie viel die Kamera kostet. Ihr könnt mit dem feinsten Equipment losziehen und fotografieren, wenn Ihr die Regeln der Komposition nicht beachtet, helfen euch die teuerste Ausrüstung und die beste Technik nicht weiter. Die Fotos werden davon nicht besser.
Dagegen führt eine ordentliche Komposition auch mit schwächeren Kameras zu exzellenten Fotos – seht euch mal das Buch iPhone Photography von Chase Jarvis an, was er mit seinem iPhone für Fotos macht ist atemberaubend. Mehr über Komposition gibt’s in den folgenden Artikeln:
Schaut euch auch mal die Hochspannungsmasten an, die ich mal bei einem Spaziergang mit einer Canon IXUS 130 geknipst habe.
Mathematisches zum goldenen Schnitt
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Das Bild links zeigt ein Rechteck mit den Kantenlängen a und a+b. Das Teilungsverhältnis a : b dieses Rechtecks entlang der längeren Kante ist genau dann im goldenen Schnitt, wenn die Gleichung
a : b = (a + b) : a
erfüllt ist. Wenn Ihr nun für b den Wert 1 einsetzt und die Gleichung nach a auflöst, kommt für a genau der Wert des Teilungsverhältnisses des goldenen Schnittes heraus: 1,618.
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